Sinkende Preise - steht eine Deflation vor der Tür?

Europa fürchtet sinkende Preise, allen voran der Chef der Europäischen Zentralbank Mario Draghi, der sich aktuell die Abwendung einer Deflation auf die Fahnen geschrieben hat. Aber was macht fallende Preise so bedrohlich?


Deflation

Deflationsangst - erneut Leitzins abgesenkt

Zuletzt kletterten die Preise in Europa lediglich um 0,7 Prozent - die Inflationsrate liegt so niedrig wie seit vier Jahren nicht mehr. Vor wenigen Tagen reagierte EZB-Chef Mario Draghi mit einer weiteren Leitzinssenkung auf jetzt 0,25 Prozent - und stellt weitere Maßnahmen in Aussicht. Was steckt hinter Draghis Strategie? Wer bislang glaubte, mit einer Inflation rechnen zu müssen, sieht sich jetzt mit dem Gespenst drohender Deflation konfrontiert. Doch wieso geben sinkende Preise für Grundnahrungsmittel oder Treibstoff Anlass zur Sorge? Nicht immer warnten Finanzexperten vor sinkenden Preisen: So gehörte für Milton Friedman 1969 eine kontrollierte Deflation zu sinnvoller Zentralbankspolitik.

Sinkende Preise = krisenverschärfend?

Allerdings konnte sich Friedman nicht durchsetzen, im Gegenteil. Die Mehrzahl der Notenbanken weltweit verfolgen eine Politik überschaubarer Inflation. Mit Draghi warnt auch EZB-Chefvolkswirt Peter Praet vor sinkenden Preisen, obwohl niemand in der EZB akute Anzeichen für eine Deflation sieht. Woher kommt die Angst? Die Weltwirtschaftskrise der 1930er ist als schwer durchschaubarer "Heiliger Gral der Ökonomie" (Zitat Ben Bernanke, seines Zeichens US-Notenbankchef) noch zu gut im Gedächtnis. Denn die schwere Depression war von weltweit sinkenden Preisen begleitet. Deflation und wirtschaftliche Krisen in einem Atemzug zu nennen, hat den Begriff der Deflation möglicherweise verzerrt: Nachdem man sinkende Preise zunächst der Depression zuschrieb, vermutete man später, dass sich ein Preisverfall krisenverschärfend auswirkt. Eine Auffassung, die viele Finanzexperten, Bernanke eingeschlossen, teilen. Nachdem Bernanke diverse Staaten und deren Geldpolitik während der Depression analysiert hatte, kam er zu folgendem Schluss: Ein Land, das sich schnell für eine lockere Geldpolitik entschied - etwa, in dem es den Goldstandard abschaffte - erholte sich schneller, weil es einer Deflation zuvorkam. Länder, die mit der Deflation kämpften, brauchten dazu deutlich länger.

Deflation - grundsätzlich negativ?

Nur eine Deflation bei gleichzeitigem Sinken von Güterpreisen, Mieten und Löhnen ist unbedenklich. Müssen Firmen aber bei sinkenden Preisen, sprich sinkenden Einnahmen, weiter Löhne in gleicher Höhe zahlen, sind sie über kurz oder lang ruiniert. Also drückt man die Löhne, was zu verstärktem Sparverhalten führt. Schließlich erlahmt die Wirtschaft durch weiter fallende Preise - eine deflationäre Spirale, wie zuletzt in Japan. Die Notenbanken befürchten, dass die Wirtschaft an Dynamik verlieren könnte. Auch Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, fürchtet die Deflation aufgrund ihres lähmenden Einflusses mehr. Haben sie Recht? Deutschland erinnert sich mehr an die Hyperinflation der 1920er Jahre als an die spätere Deflation. So stimmten deren EZB-Vertreter nicht als einzige gegen die aktuelle Zinssenkungsentscheidung der Europäischen Zentralbank. Denn Deflation ist eine Frage länderspezifischer Perspektive: Für verschuldete Staaten wie Griechenland mag eine Deflation destruktiv sein, da sinkende Einkommen eine Schuldenregulierung erschweren. Begreift man Deutschland dagegen als ein Land von Sparern, überzeugt eine Deflation mit durchaus positiven Aspekten.


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