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Die Geschichte des arbeitsscheuen Hartz-IV-Empfängers

Dass Hartz-IV-Empfänger sich vor der Arbeit drücken, davon ist jeder dritte Deutsche überzeugt. Für eine Überraschung dürfte nun das Ergebnis einer wissenschaftliche Untersuchung sorgen.


Die Geschichte des arbeitsscheuen Hartz-IV-Empfängers

Als entwürdigend werden die regelmäßigen Gänge zum Jobcenter von den meisten Hartz-IV-Empfängern empfunden. Für rund 75 Prozent von ihnen ist nach eigener Aussage Arbeit das Wichtigste im Leben.

Aber es gibt auch jene, die zugeben, nicht arbeiten zu wollen und mit den Hartz-IV-Bezügen zufrieden sind. So wie die freiwillig Arbeitslose, über die die "Welt am Sonntag" in der vergangenen Woche berichtet hatte. Seit Jahren lebt sie von Arbeitslosengeld II, sammelt Pfandflaschen, geht den Maßnahmen nach, die ihr vom Jobcenter auferlegt werden, und schreibt Bewerbungen, die jeden Arbeitgeber dankend abwinken lassen.

Der Bericht der "Welt am Sonntag" hat die Leser in zwei Gruppen gespalten. Die einen waren bewegt, die anderen erzürnt. Einige halten sie für eine schlaue Drückebergerin, die sich ein schönes, wenn auch bescheidenes Leben macht und den Steuerzahler dafür aufkommen lässt. Für andere ist sie eine Sozialpionierin, die im Selbstversuch Hartz IV als Vorbereitung auf das bedingungslose Grundeinkommen im Langzeittest erprobt. 

Hartz-IV-Empfänger alle arbeitsscheu?

Aber ist die Geschichte der Frau tatsächlich maßgebend für alle Hartz-IV-Empfänger? Diese Frage würde jeder dritte Deutsche bejahen. Immerhin sind 37 Prozent der Deutschen von der These, dass Hartz-IV-Empfänger arbeitsscheu seien, überzeugt. Das ergab eine Allensbach-Umfrage.

Der bei der Bundesagentur zuständige Vorstand für die Grundsicherung, Heinrich Alt, hat eine andere Sicht der Dinge. Derartige Geschichten seien Einzelfälle und Randerscheinungen sagte Alt gegenüber der „Welt“. Mit der Realität habe dies wenig gemein.

Es gäbe nur wenige Menschen, denen es nach Alts Meinung ohne Arbeit gut gehen würde. Mit dieser Aussage beziehe er sich nicht auf die finanziellen Aspekte. Auch wenn Alt einräumt, dass es durchaus Menschen gäbe, die in ihrer Vorstellung des Lebens keinen Platz für Arbeit sehen. Eine genaue Zahl gäbe es jedoch nicht. 

Viele Hartz-IV-Empfänger legen die Hände nicht in den Schoß

Die hohe Zahl von verhängten Sanktionen durch das Jobcenter gegen Hartz-IV-Empfänger, die sich nicht bemüht haben, lässt einen anderen Schluss zu. Mehr als eine Million Sanktionen waren es im vergangenen Jahr. 70 Prozent wurden allein nur aufgrund versäumter Termine mit dem Jobcenter verhängt. Dennoch ist die Anzahl der Sanktionen, gemessen an der Anzahl der Leistungsempfänger, gering. Bei 3,4 Prozent liegt die Sanktionsquote.

Drei Wissenschaftler des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) führten die Studie "ALG-II-Bezug ist nur selten ein Ruhekissen" durch, bei der sie Befragungen von Arbeitslosen nutzten.

Nach Angaben der Studie gehen rund 30 Prozent einer Tätigkeit, meist als Minijobber nach. Jeweils zehn Prozent befinden sich in einer Ausbildung, gehen einer Maßnahme durch das Jobcenter nach und kümmern sich um ihre kleinen Kinder. Bei fünf Prozent steht die Pflege eines Familienangehörigen im Vordergrund. Wie diese Zahlen belegen, besteht für den größten Teil der Hartz-IV-Empfänger keine Verpflichtung zur Arbeitssuche.

Die Forscher erkannten im Rahmen ihrer Studie auch, dass die generelle Arbeitsmotivation unter den Leistungsbeziehern höher als bei der übrigen Bevölkerung sei. Für drei Viertel der Befragten ist eine Tätigkeit zu haben, im Leben das Wichtigste. 80 Prozent sprachen sich dafür aus, auch dann arbeiten zu wollen, wenn sie das Geld nicht bräuchten. Bei diesen Aussagen handelt es sich jedoch um die Selbsteinschätzungen der befragten Arbeitslosen.

Bei den konkreten Fragen im Bezug auf die Bemühungen, eine neue Tätigkeit zu finden, werden die Werte bereits schwächer. In den vergangenen vier Wochen wollen sich knapp zwei Drittel um Arbeit bemüht haben. Obwohl zur Arbeitssuche verpflichtet, kamen 350.000 Hartz-IV-Empfänger dieser Verpflichtung nicht nach und übten auch keine andere Tätigkeit aus. 

Hartz-IV häufig aus gesundheitlichen Gründen

Von den Leistungsbeziehern, die sich nicht um eine neue Arbeit bemühen, werden am häufigsten gesundheitliche Gründe angeführt. Aber auch die Entmutigung, wenn sich nach langer Zeit und vielen Bewerbungen kein positives Ergebnis einstellt, spielt eine Rolle. Dabei ist auffallend, dass die Leistungsbezieher, die ihrer Verpflichtung nicht nachkommen, meistens aus arbeitsmarktschwachen Regionen stammen, überwiegend aus Ostdeutschland.

Viele Werte der Studie sprechen also dafür, dass der größte Teil der 350.000 Nichtsucher älter und / oder kranke Menschen sind, die als chancenlose Arbeitslose nun auf ihre Rentenversicherung warten. Nur ein sehr geringer Teil gibt direkte Hinweise auf eine fehlende Motivation, so die Forscher.

Für diesen geringen Teil reichen die monatlichen Bezüge aus oder auch durch eine berufliche Tätigkeit würde sich die finanzielle Lage nicht verbessern. Damit gehört die These, dass alle Arbeitslosen faul seien für Jürgen Möller, IAB-Direktor, als Mythen und Legenden. 

Dauerhafter Leistungsbezug schadet dem Selbstwertgefühl

Viele Leistungsbezieher geben an, durch das Herumsitzen krank zu werden. Ihnen fehle das Gefühl, gebraucht zu werden, so BA-Vorstand Alt. Für viele von ihnen sei der dauerhafte Bezug von Leistungen entwürdigend.  (DR/BHB)


 
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