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Hilft der Buchwert bei der Aktienauswahl?

Wer am Aktienmarkt investieren will, steht immer vor der Frage: Welche Aktie wähle ich aus? Welche Aktie wird an der Börse möglicherweise unterschätzt und daher derzeit zu einem günstigen Kurs gehandelt? Doch klüger sein zu wollen als "der Markt", ist möglicherweise vermessen und eher etwas für spekulative Anleger.


Buchwert

Besonders für langfristig investierende Anleger halte ich daher eine andere Fragestellung für besser geeignet: Welches Unternehmen kann in Zukunft dauerhaft gute Gewinne erzielen und diese eventuell sogar kontinuierlich steigern? Die Aktie eines solchen Unternehmens wird voraussichtlich stetig an Wert gewinnen bzw. seinem Besitzer eine hohe Dividendenrendite bescheren. Der Gewinn bzw. die Gewinnentwicklung eines Unternehmens ist daher das Hauptkriterium für seine Bewertung an der Börse – und nicht nur da.

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis

Als wichtigste Kennzahl zur Bewertung von Unternehmen hat sich daher das Kurs-Gewinn-Verhältnis KGV etabliert. Deren Berechnung ist einfach: Sie müssen nur den Gewinn (Erlös minus Kosten) durch die Anzahl der Aktien dividieren und Sie erhalten auf diese Weise den Gewinn je Aktie, sprich den Gewinnanteil jedes einzelnen Anteilsscheins. Dieser wird in Relation gesetzt zum Aktienkurs und daraus ergibt sich dann das KGV. Je niedriger das KGV umso günstiger ist die jeweilige Aktie an der Börse bewertet. Aktienkennzahlen wie das KGV können Sie auf allen einschlägigen Börsenportalen nachsehen.

Doch erst einmal haben Sie dann nur eine Zahl. So liegt z.B. das KGV der Aktie der Daimler AG auf Basis der für das Jahr 2015 erwarteten Gewinne des Unternehmens aktuell bei etwa 10,0. Die Aktie wird folglich aktuell mit dem Zehnfachen des für das Jahr 2015 erwarteten Unternehmensgewinns gehandelt. Ist das nun günstig oder teuer? Sollten Sie die Aktie kaufen oder nicht? Diese Fragen sind nicht objektiv zu beantworten. Das zeigt sich allein schon daran, dass manche Experten (z.B. Aktienanalysten der Banken) die Daimleraktie auf diesem Kurs- und Bewertungsniveau zum Kauf empfehlen, andere dagegen zum Verkauf raten.

Der Buchwert misst die Substanz eines Unternehmens

Letztlich reicht das KGV allein nicht aus, um eine Aktie bewerten zu können. Sie müssen die Aktie mit anderen Aktien derselben Branche vergleichen. Ist die Daimleraktie aktuell günstiger als die Aktie des Konkurrenten BMW? Das würde möglicherweise für einen Kauf sprechen. Und noch wichtiger: Wie sind die Zukunftsaussichten? Kann Daimler in Zukunft das Gewinnniveau halten oder sogar steigern? Auch dies würde die Aktie "attraktiv" machen. An der Börse "wird die Zukunft gehandelt" und da über diese immer unterschiedliche Erwartungen bestehen, gibt es auch über die Einschätzung von Aktien unterschiedliche Auffassungen.

Zukunftserwartungen können sich aber mitunter rasch ändern und das erklärt auch die oftmals starken Kursschwankungen an den Börsen. Viele Anleger misstrauen daher der Aktienbewertung auf Basis der erwarteten Gewinne und suchen nach objektiven Kriterien. Der Buchwert je Aktie (siehe hierzu auch: Böhms Börsenlexikon: „Was ist der Buchwert?“) und das daraus abgeleitete Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) könnten dieses objektive Kriterium sein. Der Buchwert ist eine Maßzahl für die Substanz eines Unternehmens und entspricht der Summe aller Vermögensgegenstände (Aktiva) eines Unternehmens bewertet zu Marktpreisen, verringert um die Schulden. Der Buchwert ist der Preis, den ein potenzieller Käufer für ein Unternehmen zahlen würde, wenn er die Absicht hätte, das Unternehmen zu zerschlagen und die Einzelteile zu verkaufen.

Berechnung des Kurs-Buchwert-Verhältnisses KBV

KBV = Aktueller Aktienkurs/Buchwert je Aktie

Das Kurs-Buchwert-Verhältnis

In der Regel ist ein Unternehmen aber mehr wert als seine Einzelteile, denn es lassen sich durch die Produktion von Gütern Erträge erzielen. Das heißt, es kann ein "Mehrwert" geschaffen werden. Daher werden Unternehmen an der Börse in der Regel höher bewertet als ihr Buchwert. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis, das, wie der Name schon sagt, den Buchwert je Aktie dem Aktienkurs gegenüberstellt, ist daher in der Regel größer als 1,0. Liegt das Kurs-Buchwert-Verhältnis z.B. bei 2,0, dann wird das Unternehmen an der Börse mit dem Doppelten seines Buchwerts bewertet. Ein niedriges KBV spricht daher dafür, dass die jeweilige Aktie günstig ist.

Doch Sie ahnen es vielleicht bereits: Wie beim Kurs-Gewinn-Verhältnis ist auch hier die Sache nicht so einfach. So lassen sich wie beim KGV auch beim KBV vernünftigerweise nur Aktien derselben Branche miteinander vergleichen. Unternehmen, die hohe bilanzierte Aktiva aufweisen, wie z.B. Autokonzerne, weisen in der Regel einen hohen Buchwert bzw. ein niedriges Kurs-Buchwert-Verhältnis auf. Aktien von Unternehmen, bei denen die Werte eher im Knowhow der Mitarbeiter stecken, wie z.B. Softwareunternehmen, weisen traditionell hohe Kurs-Buchwert-Verhältnisse auf. So hat die Daimleraktie aktuell z.B. ein KBV von 1,7, während das KBV der Aktie des Softwarekonzerns SAP bei 3,6 liegt.

Der Buchwert hat seine Tücken

Sie können daher Kurs-Buchwert-Verhältnis bei der Aktienauswahl als zusätzliches Kriterium heranziehen, mehr aber nicht. Es hat wie das KGV auch seine Tücken, denn der Buchwert spiegelt nicht immer die tatsächliche Substanz eines Unternehmens wider. So kann es nicht bilanzierte Aktiva geben wie z.B. wertvolle Firmen- und Produktnamen. Auch stehen möglicherweise Maschinen oder Immobilien zu Preisen in der Bilanz, die unter den aktuellen Marktpreisen liegen. Der Buchwert kann daher die wahre Substanz unterschätzen. Aber auch der umgekehrte Fall ist möglich: So werden Vorräte möglicherweise zu Preisen bilanziert, die sich bei einem separaten Verkauf nicht erzielen lassen würden. Nicht selten kommt es zu Fehlinvestitionen, die den Buchwert nach oben verzerren und dann durch Sonderabschreibungen wieder korrigiert werden müssen.

Daher können Unternehmen an der Börse auch geringer bewertet sein als ihr Buchwert. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis läge in diesem Fall unter 1,0. Das heißt: Der Substanzwert des Unternehmens ist laut Bilanz höher als die Börsenbewertung. Eigentlich ist dies ein klarer Kaufgrund, denn ein potenzieller Investor könnte das ganze Unternehmen an der Börse kaufen, es zerschlagen, die Einzelteile verkaufen und dabei einen Gewinn erzielen. Doch wenn ein Unternehmen an der Börse mit einem KBV unter 1,0 bewertet wird, dann hat dies häufig den Grund, dass der Buchwert überschätzt wird.

So notierten z.B. die Bankenaktien nach der Finanzkrise 2008 über Jahre hinweg unter dem Buchwert je Aktie, da viele der in der Bilanz stehenden Vermögenswerte (z.B. Anleihen) am Markt tatsächlich nichts mehr wert waren. Zudem sahen viele Anleger das Risiko weiterer Kursverluste aufgrund einer erneuten Verschärfung der Finanzkrise, weshalb sie trotz des niedrigen Kurs-Buchwert-Verhältnisses die Aktien nicht kauften. 

Der Buchwert ist ein Kriterium von vielen

Wird eine Aktie zu einem niedrigen Kurs-Buchwert-Verhältnis gehandelt, dann ist dies daher nicht immer ein gutes Zeichen, sondern gelegentlich auch ein Warnsignal. Möglicherweise kursieren Gerüchte oder es ist schon bekannt, dass hohe Abschreibungen auf Fehlinvestitionen vorgenommen werden müssen. Der Buchwert wird also sinken und das wird an der Börse bereits durch einen Kursrückgang, der auch das KBV nach unten drückt, vorweggenommen. Ich habe daher leider keine bessere Nachricht für Sie: Wenn Sie langfristig in eine Aktie investieren wollen, dann sollten Sie diese aus verschiedenen Perspektiven analysieren. Das kostet Zeit. Aktienkennzahlen wie das KGB und das KBV sind dabei Hilfen, mehr aber nicht. Im Gegenteil: Ohne weitere Informationen, z.B. zu den Geschäftsaussichten oder zu den Details der Bilanz, können diese Kennzahlen Sie sogar in die Irre führen.

In Krisenzeiten zählt die Substanz

Besonders großer Beliebtheit erfreut sich das Kurs-Buchwert-Verhältnis als Aktienkennzahl in Krisenzeiten, nach Kurseinbrüchen oder in wirtschaftlichen Rezessionen (siehe hierzu auch Böhms Börsenlexikon: „Was ist eine Rezession?“). Wenn die Unternehmen keine Gewinne erzielen, sondern Verluste schreiben und wenn die Zukunftsaussichten besonders unsicher sind, dann verliert das Kurs-Gewinn-Verhältnis dramatisch an Aussagekraft, bzw. lässt sich nicht ermitteln. Es ist dann sinnvoll, es durch das Kurs-Buchwert-Verhältnis zu ersetzen. Das ändert allerdings nichts am grundsätzlichen Problem, dass der bilanzierte Buchwert oft nicht die wahre Substanz eines Unternehmens wiederspiegelt.

Fazit

Das Kurs-Buchwert-Verhältnis ist eine wichtige Aktienkennzahl und kann zusätzlich zu Aktienkennzahlen wie dem Kurs-Gewinn-Verhältnis bei Entscheidungen zu Rate gezogen werden. Gerade nach schweren Kursstürzen wie z.B. infolge der Finanzkrise 2008 können Sie das KBV einsetzen, um Aktien herauszufiltern, die vom Markt möglicherweise unterschätzt werden. Allerdings reicht ein niedriges KBV als alleiniges Kriterium nicht aus, Sie müssen auch vom Geschäftsmodell eines Unternehmens und dessen langfristigen Zukunftsaussichten überzeugt sein.

 

 

Über den Autor

Stefan Böhm

Stefan Böhm ist Börsianer mit Leib & Seele. Schon während seinem Abitur und dem anschließenden Studium zum Diplom-Volkswirt hat er aktiv am Finanzgeschehen teilgenommen und war als freier Börsenjournalist tätig. Ab 1994 hat er sein Knowhow in renommierten Fachmagazinen publiziert. Zum Beispiel als Chefredakteur des Optionsschein-Magazins (später Börse Now). Seit 2001 ist Stefan Böhm Geschäftsführer der ATLAS Research GmbH (www.atlasresearch.de) und publiziert das Börsenmagazin DaxVestor (www.dax-vestor.de), den kostenfreien Börsenbrief Böhms DAX-Strategie (www.boehms-dax-strategie.de) sowie den Geldanlage-Brief Rendite-Spezialisten (www.rendite-spezialisten.de).


Zu seinen größten Erfolgen zählt unter anderem die punktgenaue Warnung vor der Finanzkrise im Jahr 2007, die seinen Lesern Gewinne von fast +400% eingebracht hat. Seit 2012 hat er erfolgreich auf steigende Aktienkurse gesetzt und 2014 nahezu punktgenau den Rohöl- & Rubel-Crash vorausgesagt!

Aufgrund seiner Erfolge ist Stefan Böhm ein gefragter Interviewpartner für Finanzmedien und regelmäßig in der Öffentlichkeit mit Gastbeiträgen vertreten: u.a. Börse Stuttgart, Bankingclub, Wallstreet Online, Finanzen.net, Ad-hoc-News u.v.m.


 
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